Meine Erinnerung an den 05.November 2005

Samstag, der 05.11.2005 war eigentlich ein ganz normaler Tag und wir ahnten nicht, dass es der schlimmste Tag in unserem Leben werden sollte. Unsere Jacqueline hatte seit zwei Jahren ihre eigene Wohnung, aber außer Samstag war sie fast jeden Tag bei uns, es war ja auch ihr zu hause. An diesem Sonnabend war aber alles anders.

Jacqueline sollte mit einer Freundin( Jana Rehm ) an diesem Samstag arbeiten. Sie arbeiteten für 1,50 Euro pro Stunde im Kinder und Jugenderholungszentrum( auch Kiez genannt ) am Filzteich. Die Arbeit mit Kindern lag Jacqueline sehr. Die Kinderherzen flogen ihr einfach so zu.

Dieser Abend stand unter dem Motto: „Karibische Nacht“. Jacqueline und Jana sollten für den guten Ablauf des Abends sorgen.

Aus diesem Grund kam sie an diesem Abend zu uns weil sie und Jana mein Auto brauchten.

Jacqueline hatte noch kein eigenes Auto und Jana  stand ihr Auto gerade nicht zu Verfügung.

Jacqueline kam so gegen 16 Uhr zu uns. Ich weiß: eine Mutter sieht in ihrem Kind immer etwas besonderes, aber an diesem Abend war Jacquelines Ausstrahlung noch größer als sonst. Sie hatte so einen Glanz in den Augen, roch so gut und war so gut drauf. Einfach wunderschön!!! Komisch war auch, dass Jacqueline unbedingt mit ihrer Schwester in Berlin telefonieren wollte, denn das tat sie sonst immer Sonntags wenn sie sowieso bei uns war. Vor allem aber wollte sie mit ihrem Neffen Kevin reden. Er war ihr kleiner Liebling. Dieses wäre auch nichts besonderes gewesen, wenn sie sich nicht so anders von Kevin verabschiedet hätte. Sie sagte: „ Schlaf schön mein Schatz, ich werde Dich im Traum besuchen!“. Diese Worte hat Kevin nie vergessen, es waren ja die letzten Worte seiner Lieblings Tante.

Unsere Jacqueline war kein Mensch der immer knuddeln wollte und von Küsschen hier und Küsschen da hielt sie auch nicht viel .Aber trotzdem, oder genau deswegen knuddelte ich gerade mit ihr und sie währte meistens ab. Da hatte ich meinen Spaß daran.

Gegen 17:30 Uhr machte sich Jacqueline fertig um auf Arbeit zu gehen, Jana wartete schon, da nahm ich sie in den Arm und gab ihr ein Küsschen. Sie ließ sich das einfach so gefallen, was mich sehr überraschte, denn so war ich es nicht gewohnt. Ihr Dad (den sie liebevoll so nannte) legte ihr ans Herz vorsichtig zu fahren, da schon so viel Laub auf der Straße lag und es deswegen sehr rutschig war. Jacqueline lächelte und sagte: „Natürlich pass ich auf!“. Meistens wenn sie ging schaute ich aus dem Küchenfenster und verabschiedete mich nochmals. Weil aber Jana draußen wartete wollte ich sie nicht blamieren, doch sie schaute so voller Sehnsucht zum Fenster, so dass ich es doch öffnete. Ich rief ihr ein letztes Mal: „Tschüß Schatz!“ hinterher, doch sie hörten es nicht mehr. Ich beobachtete die beiden wie sie zum Auto gingen ohne zu wissen das ich sie zum letzten mal lebend sehe. Ich wartete bis sie  weggefahren waren und dadurch sah ich, dass Jacqueline nicht wie gewohnt fuhr, sondern sie diesmal einen anderen Weg fuhr. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und mich umschlich ein komisches Gefühl.

Mein Mann hatte am Computer zu tun und ich saß vor dem Fernseher. Plötzlich hörte ich Sirenen von Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr. Es hörte gar nicht mehr auf. Ich wurde unruhig und mir kam der Gedanke: “Es wird doch nicht meine Jacqueline sein?“ Diesen Gedanken verdrängte ich gleich wieder. Es konnte doch nicht sein, schließlich ist sie doch anders gefahren als sonst.

So verging der Abend und gegen 21 Uhr klingelte es bei uns. Ich dachte: „Wie- Jacqueline? -Ist aber eine kurze Schicht und außerdem hast Du doch einen Schlüssel!“ . Ich ging zur Tür und fragte wer da sei, es war die Polizei. Mein Herz fing an zu klopfen. Ich öffnete die Tür und da kam ein Polizist und ein Mann mit einer roten Jacke. Der Polizist hatte meine Zulassung in der Hand. In diesem Moment ging mir soviel durch den Kopf, meine Knie wurden weich und mein ganzer Körper begann zu zittern. Der Polizist sagte wir sollten hinein in die Wohnung gehen. Mein Mann kam nun auch dazu. Der Polizist erzählte das Jacqueline einen Unfall hatte .Ich wollte gerade fragen in welchem Krankenhaus  meine Jacqueline liegt, als der Polizist das aussprach was ich mir nie vorstellen konnte. Er sagte: „Es tut mir leid, ihre Tochter kam beim Unfall ums Leben. Sie war sofort tot.“. In meinem kopf begann sich alles zu drehen. Ich konnte nur noch schreien. Mein Mann saß fassungslos da .Ich konnte einfach nicht mehr aufhören mit schreien. Plötzlich ging mir durch den Kopf: „Jana war ja auch noch mit im Auto“ und ich fragte was mit ihr sei. Sie sagten mir das auch sie am Unfallort verstorben ist. Das gab mir den nächsten Schock, denn Jana hatte ja noch zwei Kinder.

Dann sagte einer der Männer, wir sollten doch die Verwanden informieren, bevor sie es aus den Medien erfahren. Ich wurde plötzlich ganz ruhig und begann zu telefonieren. Ich rief meine Tochter Arite in Berlin an. Leider war besetzt. Ich rief sie dann über Handy an und bat sie mich auf Festnetz zurück zu rufen. Was sie sofort tat. Sie stellte mir gleich die Frage: „Ist was mit Jacqueline?“. Ich sagte: „JACQUELINE IST TOT!“. Dann hörte ich sie nur noch schreien. Den Schrei werde ich wohl auch nicht mehr vergessen! Mein Schwiegersohn kam auch ans Telefon und ich bat ihn auf Arite aufzupassen und sie zu trösten. Später rief Arite noch mal an und sprach mit dem Polizisten, der ihr sagte, dass es bei dem Unfall mit ziemlich hoher Geschwindigkeit zu ging.

Ich wollte wissen wo meine Tochter jetzt ist. Jacqueline und Jana wurden schon nach Chemnitz in die Gerichtsmedizin gebracht.

Es wurde meinetwegen noch ein Notarzt gerufen der mir eine Beruhigungsspritze verabreichte. Die Nacht war ganz schlimm. Ich konnte überhaupt nicht schlafen und mein Mann schlief dann wohl auch gegen 3 Uhr morgens leicht ein.

Polizeibericht:    Tragischer Verkehrsunfall mit zwei getöteten Personen 

SCHNEEBERG- Am Samstag gegen 18:10 Uhr befuhr eine 22-jährige PKW-Fahrerin mit einem Renault Twingo die Bruno- Dost- Straße mit der Absicht nach links in Richtung Schneeberg auf die B 93 aufzufahren und stieß mit einem PKW BMW, der die B 93 in Richtung Zwickau befuhr, zusammen. Dabei wurde die Renault- Fahrerin und die 34-jährige Insassin getötet sowie der 49-jährige BMW-Fahrer leichtverletzt. Der Gesamtschaden betrug 19.000 Euro. Die B 93 war bis gegen 22:00 Uhr gesperrt.

 

Gegen 5 Uhr saßen wir beide wider im Wohnzimmer und konnten es immer noch nicht glauben. Draußen ging alles so weiter wie bisher als wäre nichts passiert. Nur für uns war nichts mehr wie es mal war. Später gingen wir zur Unfallstelle an der schon Blumen lagen. Es war wie ein Film der kein Ende nehmen wollte .Anschließend gingen wir in Jacquelines kleine Wohnung. Es war so still und unheimlich. Es tat so unendlich weh.

Nachmittags kam dann auch endlich Arite  mit ihrer Familie. Wir fielen uns weinend in die Arme.

Montag konnten wir endlich etwas unternehmen und riefen als erstes bei der Polizei in Wilkau- Haßlau an, denn dort waren ja die persönlichen Sachen von meinem Schatz.

Da stand ich nun mit der Tasche von meiner Jacqueline in der Hand….Ich zitterte am ganzen Körper. In der Tasche war ein „Harry Potter“ Buch was sie Jana zurückgeben wollte und ein Lippenbalsam welches sie doch gestern noch benutzt hat.

Am Mittwoch kam der Anruf, dass wir alles in die Wege leiten können. Wir beauftragten ein Bestattungsunternehmen,  die sich um alles kümmerten.

Nun kam der Tag an dem wir uns von Jacqueline verabschieden konnten/ mussten. Als ich sie da so in dem Sarg liegen sah, hätte ich sie am liebsten umarmt. Sie sah so friedlich aus, als würde sie nur schlafen. Sogar ein kleines Lächeln konnte ich auf ihren Lippen erkennen. Ich streichelte meine Jacqueline  und spürte die Kälte. Sie war so eisig kalt und so hart, einfach schrecklich. Es tat so weh sie da so liegen zu sehen und ich dachte immer nur: „So wach doch endlich auf Schatz!“. Ich bin trotzdem froh mich so noch mal verabschieden zu können, denn nur so konnte ich es wirklich glauben, auch wenn ich das nie vergessen werde. Diese Bilder haben sich für immer in meinen Kopf eingeprägt.

Mein persönliches Fazit zum Prozess

Ich hab ja schon so oft aus den Medien mitbekommen, wenn etwas Schreckliches passiert ist. Es tat mir immer sehr leid für die Eltern und Angehörigen. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sehr die Betroffenen leiden mussten. Erst jetzt weiß ich was man durchmacht. Bevor dieser schreckliche Unfall passierte, glaubte ich zumindest teilweise an Gerechtigkeit, aber seit dem Prozessausgang habe ich jeglichen Glauben an Gerechtigkeit verloren.

Ich weiß ja, nichts bringt uns unsere Tochter wieder zurück, aber dieses Urteil empfinde ich einfach nur als eine Verhöhnung der Hinterbliebenen!!!

Wenn man sich mal überlegt, dass unsere Jacqueline sofort eine Strafanzeige bekam ( obwohl sie schon tot war ) die zwar gleich wieder zurück genommen wurde, findet man keine Worte mehr.

Der Herr Dr. Windisch betreibt nach wie vor seine Praxis in Schneeberg und an Patienten mangelt es ihm auch nicht. Augenärzte gibt es ja kaum. Er muss  jeden Tag an der Unfallstelle vorbei, er kann wie mir scheint, aber sehr gut damit leben.

Wenn ich mir vorstelle es wäre anders gewesen, also meine Jacqueline wäre die Unglücksfahrerin, sie wäre niemals damit fertig geworden.

Außerdem denke ich auch das sie schärfer Bestraft wurden wäre.

Das Urteil von Herrn Dr. Windisch

-6 Monate Gefängnis was auf 2 Jahre Bewährung festgelegt wurde

-5000,- Euro Strafe

 Für fahrlässige Tötung in zwei Fällen 

 Grob fahrlässiges Verhalten im Straßenverkehr sah der Richter im zweiten Prozess als unbegründet ( denn schließlich fahren wir ja alle mal schneller )

 

Unser Urteil Lautet:

LEBENSLÄNGLICH !!!!!!!!!!!!!


Was mir sehr am Herzen liegt!!!
Auf diese Weise möchte ich mich ganz herzlich bei meiner besten Freundin Birgit bedanken.

Ich weiß es gibt viele die mir in den schweren Zeiten beiseite stehen und dafür danke ich allen.

Einen besonderen Dank möchte ich meiner Birgit aussprechen. Sie ist nach wie vor Tag für Tag für mich da. Sie hört mir zu und ist immer so geduldig mit mir, ich weiß ja, ich bin nicht immer so einfach, besonders wenn es mal wieder ganz schlimm kommt.

Ich bin stolz, so eine gute Freundin zu haben, denn selbstverständlich ist das nicht.

Danke meine liebe Birgit


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